Psychomagie

Bei der mexikanischen Heilerin Pachita sammelte Alejandro Jodorowsky Erfahrungen mit schamanischer Arbeit. Traumdeutung kannte er aus der Psychoanalye wie aus dem Buddhismus. Schon in seiner Jugend in Chile stand er in Kontakt mit Dichtern, die ihre poetischen Vorstellungen in konkreten Aktionen umsetzten. Im Bereich des Theaters brachen seine Performances mit religiösen und gesellschaftlichen Tabus, bis hin zur Selbstgeißelung auf der Bühne.
Ein Mensch, der keine Grenzerfahrungen scheut, der spirituelle und künstlerische Leidenschaft miteinander verbindet. Ein Mensch, der seinen Mitmenschen urteilslos gegenübertritt und dazu aufruft, sich als Bürger des gesamten Universums zu verstehen. In großen Maßstäben denken, im Kleinen handeln, dementsprechend.
Psychomagie heißt Alejandro Jodorowskys ganz eigene Arbeitsweise, eine kreative Art der Lebensberatung. Er empfängt Ratsuchende, hört und ergründet deren Problem, und dann „verordnet“ er einen „psychomagischen Akt“. Diese Akte wirken oft surreal, setzen theatrale und magische Elemente ein. Wer von Existenzängsten geplagt wird, soll sich einen Nachmittag lang bettelnd in die Fußgängerzone setzen. Das abgetriebene Kind wird spät ehrend und liebevoll verabschiedet, symbolisch an einem schönen Ort begraben, darauf ein Rosenstrauch gepflanzt.
Die Psychomagie geht den entgegengesetzten Weg der Psychoanalyse. Nicht das Unbewusste oder Träume werden mit Verstandeskraft gedeutet, nein, die Sprache der Träume wird in die subjektive Wirklichkeit eingeführt. Die Psychomagie spricht direkt zum Unbewussten, löst, was sich dort festgesetzt hat. Psychomagische Akte von der Stange sind unvorstellbar: Es bedarf großer Sensibilität und uneigennütziger Anteilnahme, zusammen mit künstlerischer Inspiration und Charisma in der Übermittlung, um das Richtige auftragen zu können. Als Gegenleistung für seinen Rat verlangt Jodorowsky einen schriftlichen Bericht über Ausführung und Resultat des Aktes. Das schafft Verbindlichkeit, neben der Ernsthaftigkeit des Akteurs wird der Prozess der Bewusstwerdung sichergestellt.

Die Vorstellungskraft an die Macht!
Psychomagie kann man auch für sich selber anwenden: Den Kopfschmerz kann man in seiner Vorstellung zunächst in einen dornigen Strauch verwandeln – an dem dann bald prächtige Rosen erblühen! Die Mauer um das verhärtete Herz kann man einreißen und aus den Backsteinen ein freundliches neues Gebäude errichten. Umwandlung, Mutation. Sich nicht am vermeintlich Negativen verhaken, sondern den positiven Ausweg suchen, den Dreh finden, wo die Chance zu Entwicklung und Wachstum steckt.

Über 100 Fallbeispiele für tatsächlich durchgeführte psychomagische Akte finden sich im "Praxisbuch der Psychomagie" – auf persönlicher Ebene für spezielle Probleme wie auch auf die gesamte Gesellschaft oder die Stärkung der eigenen Kreativität bezogen.