Auszug aus "Der Finger und der Mond"

Die Schlange schlucken

Eines Tages kam ein großer Meister unvorhergesehen in ein Zenkloster. Der Chefkoch sollte ihm sofort eine Mahlzeit zubereiten. Er holte also rasch Gemüse aus dem Garten und kochte eine köstliche Suppe.
Der Gast aß die Suppe. Er genoss sie, bis er einen Schlangenkopf auf seinem Löffel entdeckte. Man rief den Koch und forderte eine Erklärung von ihm. Als dieser jedoch den Schlangenkopf sah, streckte er die Hand aus, ergriff ihn und verschluckte ihn im Ganzen vor der erstaunten Gesellschaft. Dann drehte er sich sehr würdig um und ging ohne ein Wort zurück in die Küche.

So verschluckt der Koch nicht nur den Schlangenkopf, sondern auch seinen Fehler. Nur selten sind wir bereit, es ihm gleichzutun.
Als ich Ejo Takata einmal Tarotkarten legte, erklärte ich ihm:
„Hör zu, Ejo. Es tut mir furchtbar leid, Dir das sagen zu müssen. Du bist ein Mönch, ein Meister, doch in den Karten steht, dass Du sexuelle Probleme hast.“
Er verschanzte sich nicht hinter großen Verteidigungsreden, suchte weder Ausflüchte noch Rechtfertigungen, sondern schluckte den Schlangenkopf, ohne mit der Wimper zu zucken: „Stimmt!“ Schon am nächsten Tag reiste er ab, um seine Frau aus Japan zu holen.
Die Mönche und die Hasen

Zwei Mönche saßen im Grünen. Um den einen tummelte sich eine Schar von Hasen, der zweite saß alleine da. Der, der keine Hasen um sich hatte, sprach zum anderen:
„Du bist ein Heiliger! Das ist unglaublich! All diese Hasen um Dich, während sie vor mir davonlaufen. Was ist Dein Geheimnis?“
„Ich habe kein Geheimnis. Ich esse keine Hasen. Das ist alles.“

Willst Du, dass jemand Dir vertraut, so musst Du ihm wie ein völlig klarer Spiegel gegenüberstehen. In der großartigen Mineralienausstellung des Pariser Jardin des Plantes steht der schönste Obsidianspiegel Europas. Werde diesem Spiegel gleich: Spiegle den anderen ohne jegliche Kritik und Projektion wider.