Auszug aus "Wo ein Vogel am schönsten singt"

Alexej dankte der Ikone mit der Jungfrau für dieses wunderbare Geschenk und heiratete Jasche in einer orthodoxen Kirche, die Braut in Weiß und der Bräutigam in Schwarz, wie ein ganz gewöhnliches christliches Paar – mit dem einzigen Unterschied, daß er grellrote Halbstiefel trug. Als meine Großmutter ihn nach dem Grund für dieses unerhörte Schuhwerk fragte, erfuhr sie, daß die so zufällig aussehende Begegnung ihrer beiden Seelen schon vor Jahrhunderten in die Wege geleitet worden war. Während Alexej ihr von seinen Vorfahren und dem Ursprung der roten Schuhe erzählte, forschte auch Jasche nach den Wurzeln ihrer Liebe.

Von der Erinnerung ihrer Mutter geleitet, reiste sie durch die Zeit zurück ins Spanien vor dem Unglücksjahr 1492, wo die böse, ehrgeizige, verbrecherische Isabella die Katholische alle Juden, die nicht bereit waren, ihren Glauben zu leugnen, des Landes verwies. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts hörte Sara Lux ihren Vater Salvador Arcavi klagen und mit jedem Tag aufs neue das Katholische Königspaar verfluchen, weil es die Juden aus dem Paradies vertrieben hatte. Ja, vor der Heirat dieser beiden judenfeindlichen Monarchen, vor dem Wüten der Schergen und Inquisitoren, war Spanien für die Juden ein Paradies gewesen. Muselmanen und Christen duldeten sie neben sich. In der Abgeschiedenheit der Judenviertel, die so frei waren wie nie, praktizierten sie ihren Glauben und suchten nach neuen Wegen, den Durst dieses unerreichbaren Gottes zu stillen. Wie rasende Liebende drangen sie in den Text ein und brachten ihn zum Bersten, indem sie Vokale vertauschten, mit den Zahlen jonglierten, jedem Buchstaben einen abgründigen Sinn zusprachen. Sie wurden Visionäre, Spinner, Magier, stießen die inneren Türen auf und verloren sich in den Schöpfungslabyrinthen; aus ihrer Begegnung mit dem Pentateuch machten sie ein persönliches Abenteuer und gestanden sich das Recht zu, ihn nach Lust und Laune auszulegen.

In dieser schönen Zeit beschloß ein Salvador Arcavi – der erste einer langen Reihe von Salvadors, denn die Tradition wollte, daß alle seine Nachkommen so hießen –, trotz seiner Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift nicht länger Gefangener des Buchstabens zu sein. Der Prophezeihung Jakobs an seinen Sohn Juda folgend – „Deine Hand wird deinen Feinden auf dem Nacken sein, vor dir werden deines Vaters Söhne sich verneigen. Juda ist ein junger Löwe“ –, wurde er Löwenbändiger. Seine Art, Gott näher zu kommen, bestand darin, die Löwen zu studieren, ein Wanderleben zu führen und Vorstellungen zu geben, in denen die Einheit mit seinen Tieren die Grenzen der Wirklichkeit sprengte und an ein Wunder grenzte. Die Löwen sprangen durch brennende Ringe, balancierten auf dem Seil, tanzten auf zwei Beinen, kletterten zu einer Pyramide aufeinander, bestimmten Holzbuchstaben, um daraus den Namen eines Zuschauers zu bilden, und nahmen, das war die höchste Prüfung, den Kopf des Dompteurs in ihren Rachen, ohne ihn zu verletzen, und schleppten ihn durch die Arena, so daß im Sägemehl das Muster eines sechsstrahligen Sterns entstand.
Die Liebe der Raubtiere erwarb sich mein Vorfahr auf einfache Art: Er zwang sie nie zu etwas, sondern machte aus der Dressurarbeit ein Spiel. Wenn sie fressen wollten, fütterte er sie, und wenn sie fasteten, drängte er ihnen kein Futter auf. Wollten sie schlafen, so erlaubte er ihnen, sich hinzulegen, und wenn sie brünstig wurden, durften sie sich ungestört besteigen. Behutsam und liebevoll nahm er allmählich den Rhythmus seiner Tiere an. Er ließ sich eine Mähne wachsen, verzehrte rohes Fleisch und schlief nackt und an seine Löwen geschmiegt in ihrem Käfig. Eines Tages begegnete er einer Spanierin namens Estrella, die sein Raubtiergeruch so berauschte, daß sie ihren christlichen Glauben aufgab und ihm folgte, um sich ihm immer, wenn Brunst die Tiere befiel, auf dem Rücken hinzugeben. Babys und junge Löwen wurden stets zur gleichen Zeit geboren. Manchmal gab die Frau den kleinen künftigen Fleischfressern die Brust, während ihre Kleinen auf allen Vieren zu den Zitzen der Löwinnen krochen, um ihren Hunger zu stillen. Die Arcavis vergaßen das Hebräische und benutzen ein auf 100 Wörter beschränktes Spanisch. Die Raubkatzen lernten die Mehrheit dieser Wörter und brachten ihren Dompteuren dafür eine ganze Skala an Brüllauten bei. Wenn Proben und Aufführungen vorüber waren, setzten sich nach dem Essen, um Mitternacht, Menschen und Tiere in der Abgeschiedenheit des großen Käfigs einander gegenüber und schauten sich tief in die Augen. In diesem Augenblick war der Löwe der Lehrer. Er war es, der da war, gegenwärtig, konzentriert, ohne Interesse an Vergangenheit oder Zukunft, eins mit dem Ganzen. In seinem Tierkörper offenbarte sich das göttliche Wesen. Der Löwe brachte den Arcavis die Sparsamkeit der Bewegungen, die Kraft in der Ruhe, die Lebenslust, den Gehorsam gegenüber sich selbst bei. Als sie die Vornehmheit des Tiers, seine majestätische innere Einsamkeit sahen, verstanden sie endlich, warum Jakob Juda mit einem Löwen verglichen hatte.

Auch die kabbalistischen Gelehrten von Toledo begriffen, daß eine neue Art der Bibelauslegung entstanden war. In aller Stille, mit größtem Respekt und geschützt durch die wunderbare Berührung von Salvadors Händen, betraten sie den Käfig, um den Löwen in die Augen zu schauen und zu meditieren. Sie baten um die Erlaubnis, auch ihre Brüder aus der Studienzeit mitzubringen, und es kamen schöne alte Araber in weißen Kleidern und blasse katholische Mönche mit tiefliegenden, glühenden Augen. Koran, Thora und Evangelien wurden bedeutungslos angesichts dieser Ehrfurcht gebietenden Raubtiere, die so reglos daliegen konnten, daß sich die Leuchtkäfer auf ihrer Flucht vor der Morgenkälte in ihr warmes Fell setzten und sie in phosporeszierende Statuen verwandelten.

S. 63-66 aus: Alejandro Jodorowsky, Wo ein Vogel am schönsten singt. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar, © Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1996. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Insel Verlags