Poesie

Seine Jugend verbrachte Alejandro Jodorowsky unter Dichtern: Pablo Neruda, Gabriela Mistral, Nicanor Parra, Pablo de Rokha, Vicente Huidobro. Das Chile der 1940er Jahre symbolisierte für ihn die Poesie schlechthin. Mit seinem Dichterfreund Enrique Lihn führte er „poetische Akte“ durch, Vorläufer der Psychomagie. Einmal nahmen sie sich vor, in Santiago de Chile immer nur geradeaus zu gehen, überwanden konsequent jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte, vom Auto bis zur Hinterhofmauer. Und sie korrigierten ihre Sprache, um sich von traditionellen, im Grunde aber „verrückten“ Ideen freizumachen. Statt „Ewigkeit“ sagten sie „undenkbares Ende“, statt „Scheitern“ „Tätigkeit ändern“, statt „schön/hässlich““mir gefällt/mir gefällt nicht“.

Auszug aus "Wegsteine"

1
Verlassenes Zimmer
Haus ohne Herr
die Leere lauert
unter meinen Worten

2
Wie ein Blinder
der im Müll
auf einen Schatz stößt
lasse ich den Winter vergehen

3
Sonne
nach und nach
löst du mich
in meinen Schatten auf

4
Dank mir nicht
für das, was ich dir gegeben habe
es ist mir gegeben worden
nur für dich
5
Was ich dir hier sage
bleibt hier
Ich gehe ohne irgendetwas

6
Wie viel
muss man aufhören zu sein
um zu sein?

7
Wenn ich dich um mehr bitten würde
müsste ich dir mehr geben
und mir bleibt schon nichts mehr

8
Die Grenzen
mit denen du mich siehst
erlauben es mir, mich zu sehen

9
Jedes Wort
ist ein Gott
wenn ich verstumme

10
Was ich dir gebe
gebe ich mir
Was ich dir nicht gebe
nehme ich mir weg

11
Während ich dich liebkose
sehe ich dich altern
Ich liebe beide
dich und deinen Tod

12
Wenn du dich änderst
ändert sich die Welt
Ohne dich ist sie ein leeres Auge

13
Jede Nacht bete ich
um die Kraft zu erlangen
mit dem Beten aufzuhören


„Piedras del camino“, Bookleg, Brüssel 2006
aus dem Spanischen von Silke Kleemann