Jodorowsky im Gespräch über Psychomagie

Was heißt Psychomagie?

Psychomagie heißt, Ratschläge zur Lösung von Problemen zu geben. Dabei kommen auf eine Weise, die frei von Aberglauben ist, Techniken der Magie zur Anwendung. Die Psychomagie besteht aus allen möglichen symbolischen Akten, die man dem Ratsuchenden vorschlagen kann.
Zuallererst müssen wir uns ins Bewusstsein rufen, dass man denjenigen, der ein Problem hat, mit seinem Problem vertraut machen muss, damit er sich dessen bewusst ist. Man muss ihn bis an die Grenze seines Problems führen, ihn nicht sofort davon loslösen, sondern ihn mit seinen Ängsten konfrontieren. Sind die Ängste einmal überwunden, verschwindet das Gefühl der Beklemmung und die Person kann wieder auf die Beine kommen. Hat man vor etwas Angst, muss man sich dieser Angst stellen. Das ist nicht besonders originell: Man muss den Ratsuchenden mit seiner Beklemmung konfrontieren. Von da an gibt es konkrete Methoden, um ihm zu helfen. Hat beispielsweise jemand sein ganzes Leben lang gelitten, kann man nichts weiter tun, als ihn sterben und noch einmal neu zur Welt kommen zu lassen. Das geschieht metaphorisch, zum Beispiel, indem man den Namen ändert und der Person eine neue Visitenkarte gibt.
Die Psychomagie arbeitet mit ganz einfachen kreativen Lösungen, ich kenne da keine Grenzen. Es ist ein wohlwollender Ansatz, nie aggressiv oder zerstörerisch. Begraben wir beispielsweise etwas, so müssen wir auch etwas pflanzen. Die Kreativität darf nicht von der Seite des Übels aus gesehen werden oder als eine Möglichkeit, Schlechtses zu tun. Denn Kreativität vom Übel aus wird zur Zerstörbarkeit. Und Zerstörbarkeit ist nicht interessant.

Kann man die Psychomagie für sich selbst anwenden oder braucht man dafür einen Meister?

Natürlich kann man sie für sich selbst anwenden. Ich mache das fortwährend. Ich habe eigene und heilige Fetische, manche sind auch komisch. Ich habe mir einen kleinen Altar gebaut, konditionierte Spiegelungen.

Welche Eigenschaften muss ein Mensch haben, um einen anderen heilen zu können?

Man heilt niemand anderen – man hilft dem anderen, sich selbst zu heilen. Wer andere heilen will, krankt an Eitelkeit. Nicht einmal der andere heilt sich selbst. Gott heilt ihn. Ich glaube, Antriebsmotor für das alles ist die Güte. Wenn jemand in sich das Gefühl der Güte entwickelt, nimmt er die Gefühle des anderen wahr und tut, was er kann, um ihn aus seinem Übel herauszuholen. Man muss sich an die Stelle des anderen versetzen und alles Mögliche tun, damit dem anderen klar wird, wie er sich heilen kann. Dafür ist es erforderlich, dass der andere auf eine höhere Bewusstseinstufe steigt und seine Sicht der Dinge modifiziert. Wir alle nehmen das Leben von einem mehr oder minder variablen Blickpunkt aus wahr, in einem bestimmten Moment. Wenn wir diesen Blickpunkt verändern, verändert sich unser Leben.

Sollte der Therapeut die Moral beiseite lassen, um zu heilen?

Er sollte amoralisch sein, aber nicht unmoralisch. Das Unmoralischsein enthüllt eine Krankheit. Amoralisch zu sein, heißt für den Therapeuten, nicht zu urteilen. Wie ein Arzt: Ist ein Mörder verwundet, hilft der Chirurg ihm und näht seine Wunde. Auf dieselbe Art sollte der Therapeut handeln. Er muss seine Vorurteile beiseite lassen, und für einen psychologischen Therapeuten gilt das umso mehr.
Sind eine gewisse Uneigennützigkeit und Distanz unablässig zum heilen?

Wir müssten genauer bestimmen, was wir unter „Uneigennützigkeit“ verstehen. Es ist in Ordnung, nichts von dem Ratsuchenden zu wollen, aber das bedeutet auch einen gewissen Zynismus und Indifferenz. Der Therapeut hat ein Interesse daran, die Person zu heilen, und genau dieses Interesse sorgt dafür, dass er uneigennützig ist, also keine eigenen Interessen vertritt. Ich spreche von den Therapeuten, die nicht darauf aus sind, Geld zu verdienen oder die Leute zu betrügen, wie es manche Wahrsager tun. Es gibt noch eine andere Art von Interesse, nämlich dass der Psychotherapeut Komplexe gegenüber dem Ratsuchenden hat und sich zu einer Stütze für die Kranken machen, sein Ego stärken oder seinen Narzismus ausleben möchte. Andere Male kommen politische oder gesellschaftliche Interessen ins Spiel. Ich habe einmal eine Psychoanalytikerin kennengelernt, die systematisch alle Paare zerstörte, die zu ihr kamen, weil sie Männer hasste. Es gibt auch das Interesse, geliebt zu werden. Oder ganz einfach zum Freund des Patienten werden zu wollen – aber das muss man beiseite lassen, um heilen zu können.

Sie sagen gern, heilen sei alles andere als ein surrealistisches Spiel ... aber in Ihren psychomagischen Rezepten gibt es viele spielerische Elemente und sogar Humor.

Es gibt schon Humor, eigentlich ist es aber so: Sobald wir etwas tun, was wir noch nie getan haben, sind wir schon auf dem Weg der Heilung. Man muss mit der Routine brechen. Da wir von der Sprache des Unbewussten oder der Traumsprache sprechen, können diese Akte nach außen hin seltsam wirken. Es ist der entgegengesetzte Weg zu Freud mit der Psycho- und Traumanalyse. Der Psychoanalytiker notiert die Träume und interpretiert sie im Licht des Verstandes, er geht vom Unbewussten zum Rationalen. Ich gehe andersherum: Ich nehme das Rationale und gebe es in die Sprache der Träume, führe die Träume in die Sprache der Realität ein. Die psychomagischen Akte entsprechen der Konstruktion von Träumen in der Realität. Wenn diese Dinge nicht geschehen, dann muss man dafür sorgen, dass sie geschehen. Die Realität sucht nach der traumhaften Befreiung: Man muss etwas tun, damit jemand geheilt wird. Alles, was über das Rationale hinausgeht, bringt uns zum Lachen oder erschreckt uns. Lachen oder Erschrecken sind nur Reaktionen, um aus dem gewöhnlichen Trott herauszukommen.

Die Psychomagie ist wirklich populär geworden. Wie geht es Ihnen damit?

Auf der Straße sehe ich viele psychomagische Akte, die nicht ich verordnet habe. (Lachen) Es stimmt, die Methode wird viel verwendet. Anfangs war ich sehr diskret. Jahrelang gab ich Ratschläge und schrieb sie mir auf. Dann kam Gilles Farcet, und wir machten das Buch „Psychomagie“. Er brauchte vier Jahre, um es vorzubereiten, in dieser Zeit arbeitete ich weiter. Als das Buch in Frankreich herauskam, hatte es großen Erfolg und wurde ins Spanische und Italienische übersetzt. Die Leute fingen an, nach mir zu verlangen, und daraufhin konnte ich Experimente machen. Ein Jahr lang empfing ich jeden Tag zwei Personen bei mir zuhause, in dem Versuch, die Gesetze der Psychomagie zu erarbeiten. Ich nahm dies als Teil meiner Kreativität und dachte mir, ich sollte diese Technik vor meinem Tod meinem Sohn Cristóbal, meiner Frau Marianne und einer Handvoll Therapeuten beibringen. Ich bilde immer noch Leute aus, aber der Prozess ist sehr langsam. Man braucht mindestens vier oder fünf Jahre Erfahrung und viel künstlerische Aktivität.
Der grundlegende Unterschied zwischen dieser Therapie und der Psychoanalyse ist, dass die Psychoanalyse an den Universitäten und in der Wissenschaft entstanden ist, während ich eine Technik erschaffen habe, die aus der Kunst kommt. Meiner Meinung nach kann ein Wissenschaftler kein Therapeut sein. Heilung ist das Werk von Künstlern und Dichtern. Ist man das nicht, kann man nicht heilen.

S. 283-286 aus: Alejandro Jodorowsky, Psicomagia. © Siruela 2004. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Agentur Mercedes Casanovas. Aus dem Spanischen von Silke Kleemann.