Jodorowsky im Gespräch über Tarot

Können Sie uns erklären, was der Tarot wirklich ist?

Der Tarot ist ein metaphysischer Apparat. Ein nur schwer zusammenzufassender Organismus aus Bildern und Formen, eine der ersten optischen Sprachen der Menschheit. Der Tarot hat 22 große Arkana. Mit den Buchstaben des spanischen Alphabets konnte Cervantes den „Don Quichotte“ schreiben – stellen Sie sich vor, was man alles aus 22 Karten machen kann, zu denen noch weitere 56 kleine Arkana hinzuzählen sind.
Der Tarot gehorcht einigen Regeln projektiver Optik. Er ist wie ein Spiegel, erlaubt es dir, dich in dem Maß zu entwickeln, in dem du allmählich immer mehr von dir selber siehst. Ich benutze ihn für die anderen und auch für mich selbst, damit wir uns über diesen Spiegel neigen und uns begreifen können. Frage ich ihn beispielsweise: „Was ist beten?“, so antwortet er mir. „Was ist die Liebe?“, so erklärt er es mir. „Wer bin ich?“, und schon taucht man auf. Der Tarot zeigt uns das Unbewusste des Fragenden, und wenn er ihm helfen kann, dann hilft er. Er dient zum Heilen.

Der Tarot kann zu allem benutzt werden, nur nicht, um die Zukunft vorauszusagen.

Wenn jemand sich für die Zukunft interessiert und mich zum Beispiel fragt: „Werde ich einen Mann finden?“, antworte ich: „Das sage ich dir nicht, weil ich dich beeinflussen könnte. Ich erkläre dir aber, warum du bis jetzt keinen Mann gefunden hast.“ „Werde ich Geld haben?“, möchte ein anderer wissen, und ich zeige ihm, warum er kein Geld hat. „Ich weiß nicht, ob ich in Madrid oder in Barcelona leben soll“, fragt mich ein dritter – nun gut, es kommt darauf an, herauszufinden, warum du dich nicht entscheiden kannst. Ich reduziere alles auf den gegenwärtigen Moment.
Im Grunde glaube ich nicht an die Zukunft, daran möchte ich nicht rühren, denn das Gehirn hat eine Tendenz, Voraussagen zu gehorchen. Glaubt eine Person auch nur ein bisschen an dich, und du sagst ihr, dass sie sich ein Bein brechen wird, dann bricht sie es sich auch.
Manchmal wird dieser große magische Apparat, der Tarot, in den Händen von Pseudotarotisten zu einem bloßen Instrument zur Voraussage der Zukunft. Sie würdigen ihn zu einem Objekt herab. Es ist schändlich, dass der Tarot nicht allgemein als ein Werk der heiligen Kunst bekannt ist.
Sie sagen, um den Tarot lesen zu können, muss man sich vom Fragenden distanzieren, darf auf keine Weise in dessen Leben eingreifen.

Ja und nein. Um den Tarot zu lesen, muss man sich völlig mit dem Fragenden identifizieren, aber ohne sich in dessen Angelegenheiten zu mischen. Man muss ihn achten, ohne ihn beeinflussen oder benutzen zu wollen.
Ich habe den Tarot immer gratis gelesen – außer ein paar Monate ganz am Anfang, als ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen musste –, nicht weil ich großzügig bin, sondern weil der Tarot anderen nützt. Wenn ich dafür kassiere, nehme ich ihm an Wert, und auf diese Weise kann ich ihn nicht in seiner ganzen Tiefe kennenlernen. Tarot lesen ist Gutes tun und künstlerisch tätig sein.

Mit dem Tarot befragen Sie also den Fragenden.

Ja. Der Tarot ist wie ein Geigerzähler. Er sagt dir, worum es geht, was los ist, wie es diesem Menschen geht. Er sagt es ihm selbst. Und manchmal antwortet er, wenn es einen Zweifel gibt oder eine Wahl zu treffen ist. Der Tarot klärt, er zeigt den Willen des Fragenden und hilft zu entdecken, was es in ihm gibt.

Wie können wir verstehen, was der Tarot uns sagt?

Am Anfang, im Versuch, meine telepathischen Fähigkeiten zu entwickeln, versuchte ich zu raten. Dann widmete ich mich einfach nur dem Lesen der Karten, was mich nicht davon abhält, aufmerksam zu beobachten, wie der Fragende ist, wie es um seine Gesundheit steht, um seine Gefühle, die Sexualität oder den Intellekt. Ich akzeptiere jeden, der zu mir kommt, mit seinen Begrenzungen, ich lausche seiner Stimme, achte darauf, wie sein Atem riecht, und manchmal berühre ich die Personen auch. Ich nehme alle nur möglichen Eindrücke in mich auf, bevor ich die Karten lege: Ich sehe, wie der Fragende sie mischt, wie er sich bewegt, wie er handelt, wie er mit mir spricht.

S. 224-226 aus: Alejandro Jodorowsky, Psicomagia. © Siruela 2004. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Agentur Mercedes Casanovas. Aus dem Spanischen von Silke Kleemann.