Interview mit Alejandro Jodorowsky, Dezember 2011

Alejandro Jodorowsky im O-Ton - seine Übersetzerin Silke Kleemann traf ihn im Dezember 2011 in seiner Wohnung in Paris und sprach mit ihm über die Psychomagie, seine neue Leidenschaft - das Twittern - und seine Erfahrung mit dem Älterwerden.

Was befähigt einen, um die Psychomagie auszuüben?

Um die Psychomagie ausüben zu können, muss man eine Kunst ausgeübt haben. Denn ich komme nicht von der Wissenschaft wie z.B. die Psychoanalytiker - das Unbewusste ist auch nicht wissenschaftlich, es ist wild und verrückt, deshalb muss man ein Künstler sein, um mit ihm zu arbeiten. Ich habe zuerst viel Theater gemacht, 100 Aufführungen in Mexiko. Anschließend, und noch vor dem "happening", habe ich etwas gemacht, das sich "efímero pánico" nannte, das waren Improvisationen. Und von da ging es nach und nach dazu über, den Leuten Ratschläge zu erteilen, damit sie Dinge taten, die sie noch nie getan hatten. Und dann ging ich zum sogenannten poetischen Akt über, und von dort ganz natürlich zur Psychomagie. Das ist eine künstlerische Therapieform, keine Kunsttherapie. Therapie als Kunst, nicht als Wissenschaft, das ist die Psychomagie.

Kann man das lernen, oder ist es eine Gabe, wie Sie derart den Punkt erkennen zu können, wo der tiefste Schmerz der Leute sitzt?

Ich antworte immer auf genau das, was da ist. Ich habe keine bestimmte Absicht. Deshalb habe ich damals angefangen, den Tarot zu studieren. Ich habe ihn nicht verstanden, und ich wollte es genau wissen. Ich habe den Tarot sieben Jahre lang studiert, noch nicht die Karten gelegt, und dann habe ich rund 30 Jahre damit verbracht, den Tarot für andere Menschen zu lesen. Ich mache das seit 30 Jahren, und irgendwann habe ich begonnen, Probleme zu sehen, und Probleme brauchen eine Lösung. Also habe ich begonnen, Lösungen zu suchen, und nach und nach, aber wirklich ganz allmählich, habe ich die Psychomagie, den Psychoschamanismus erschaffen. Und inzwischen mache ich soziale Psychomagie, für ganze Länder. Bei einem Akt in Mexiko im letzten November sind die Leute mit Totenkopfmasken durch die Straßen gelaufen, um gegen die Verbrechen der Drogenhändler zu protestieren. Das ist soziale Psychomagie.

Wie viele waren dabei?

6000. Das ist nicht mit einer Person, es ist für alle. Die Methode ist also gewachsen. Jetzt mache ich Psychomagie für Länder. Ich habe das dreimal gemacht, in Argentinien, in Chile und in Mexiko. Es ist sehr erfolgreich, die Menschen werden tief davon berührt. Das ist ganz allein entstanden, ich habe es mir nicht vorgenommen. Es ist gewachsen, wie ein Pilz.

Sie sind auch sehr aktiv bei Twitter, Facebook, den neuen Medien...

Ja! Heute sind es 326.000 Follower [Das war im Dezember 2011. Im Juni 2013 sind es weit über 400.000]. Es werden pro Tag 1000 mehr. Und warum sind es so viele? Weil ich beschlossen habe, dass das eine Kunstform ist, wieder Kunst. Kennen Sie Haikus? Tweets sind die Haikus des 21. Jahrhunderts. Da sie auf 140 Zeichen beschränkt sind, muss man alles da hinein legen, den Gedanken, die Philosophie, die Poesie, alles. Ich mache jeden Tag 15 Sätze. 15, nicht mehr, Poesie, Philosophie, Kunst. Ich spreche nicht von mir, was ich gerade esse oder dass ich auf Toilette gehe. Ich habe also etwas Neues erschaffen, und die Leute folgen dem.

Machen Sie das jeden Tag?

Jeden Tag. Weil es mir viel Spaß macht. Ich schreibe gern. Und ich denke gern. Also mache ich jeden Tag 15 Tweets. Ich stehe um 10 Uhr auf, und dann schreibe ich sie. Um drei oder halb vier muss ich sie schicken, denn ich habe meine Leser in Lateinamerika, die sind sechs Stunden zurück, so bekommen sie sie am Morgen. Und das war's schon, es ist ein Zeitvertreib. Die Tweets sind eine zweckfreie Aktivität. Aus Freude. Und ich sage, man muss das Bewusstsein erweitern. Warum? Weil die aktuelle Demokratie die Tyrannei der Mittelmäßigen ist, der Wähler. Und die Welt wird allmählich zerstört. Die aktuelle Wirtschaftspolitik ist so, wie sie ist, weil wir wählen. Das ist die Demokratie. Man muss das Bewusstsein erweitern, damit die Menschen für einen Wandel des politischen Systems stimmen. Ich nenne das die poetische Re-evolution. Wo ich kann, lenke ich daher das Bewusstsein hin. Man kann die Welt nicht verändern, aber man kann anfangen, sie zu verändern. Ich fange an, ganz bescheiden und für mich allein. Nun berühre ich schon ganze Länder. Ein Einzelner kann das.
Ist das auch ein Ratschlag für eine Haltung für den Alltag - kreativ genug zu sein, um etwas ohne Selbstzweck zu tun?

Ohne Selbstzweck, aber mit System. Ich organisiere meine Zeit, so dass alle wissen, um diese Zeit, um drei Uhr nachmittags, kommen die Sätze. Und vormittags habe ich einen Assistenten, der ein paar alte Tweets einstellt, Wiederholungen. Denn die neuen Leser kennen die alten noch nicht. Am Morgen, alte Tweets - 5 Stück, 3 Sprüche und eine Frage und eine Antwort. Mir werden nämlich auch Fragen gestellt und ich gebe Antworten, das mache ich auch.

Wie erreichen diese Fragen Sie?


Sie schicken sie mir. Ich stelle einen Satz ein und bekomme einen Haufen Antworten auf den Satz. Augenblicklich, das ist wunderbar.

Sind das nicht viele?

Ich verbringe eine Stunde damit, zwischen halb vier und halb fünf. Manchmal etwas länger, wenn jemand eine interessante Frage stellt. Das ist eine Stunde, die ich gebe. Ich gebe insgesamt zwei Stunden, mehr kann ich nicht.

Das ist ziemlich viel. Ich übersetze immer wieder einige Ihrer Tweets, aber nicht alle 15.

Das ist in Ordnung. 15 ist übertrieben. Niemand macht 15, denn das ist übertrieben, aber ich kann das. Und weil ich es kann, mache ich es. Mein Geist ist sehr fruchtbar. Meine Söhne machen es auch. Sie sind richtig gut, alle drei. Von ihnen nehme ich 2 oder 3 Sätze ... denn sie machen auch einen Haufen, auch darin imitieren sie mich. Meine ganze Familie macht das.

Noch eine Frage: Was macht Ihnen heute in Ihrem Leben Freude?

Zu leben. In meinem Alter sterben die Leute. Ich lebe, und mein Gehirn ... funktioniert besser denn je. Fast alle meine Freunde sind tot oder haben Alzheimer. So bin ich sehr froh darüber, zu leben. Das macht mir die meiste Freude. Dann freut es mich, schöpferisch zu sein, zu schreiben, das zu tun, was ich zu tun habe. Und das ist es schon ... die Berühmtheit macht mir keine Freude mehr, die habe ich gehabt. Ich kämpfe nicht mehr für den Triumph. Es komme, was da komme.

Und was machen wir mit dem Tod?

Mich hat mal jemand gefragt: Was werden Ihre letzten Worte vor dem Tod sein? Und ich habe gesagt: Ha ha ha. Das werden meine letzten Worte sein. Mein Vater war Atheist, und als ich vier Jahre alt war, hat er zu mir gesagt: Es gibt keinen Gott, es gibt nichts, man verfault und das war es dann. Ich wurde neurotisch, bis ich 40 war, ich litt. In dem Maß, in dem die Jahre vergehen, verstehe ich, dass die Natur und der Kosmos weise sind. Das Alter ist nichts Schlimmes, es ist notwendig. Es ist ganz hervorragend gemacht, je älter du wirst, desto mehr löst du dich vom Ich. Du löst dich allmählich. Der größte Schrecken ist es, die Individualität zu verlieren. Schlimmer als zu sterben ist es, das Gedächtnis zu verlieren. Du akzeptierst also nach und nach zu verschwinden. Und gibst dich damit zufrieden.

Sind Ihnen noch Identifikationen geblieben? Mit welcher von all den Rollen, die Sie in Ihrem Leben innehatten, fühlen Sie sich noch am meisten identifiziert?

Ich bin nicht mehr mit meinem Namen identifiziert, nicht mehr mit meinem Alter, ich definiere mich nicht sexuell, ich habe keine Nationalität, nichts von alledem habe ich mehr.

Und Ihre Werke?
Ich lese sie nicht mal. Ich müsste sie neu durchsehen, da stehen sie [zeigt zum Regal]. Wenn ich sie einmal fertig habe - adios. Ich klebe nicht an meinen Werken. Jetzt mache ich Bilder mit Pascale, meiner Frau. Ich zeige dir ein paar, wenn sie möchte. Wir haben etwa 50 gemacht, gerade ein paar große mit Worten. Ein Wort im Mittelpunkt, ich mache die Zeichnung, und Pascale koloriert. Sie ist eine sehr gute Malerin. Wir haben schon sechs Stück davon.