Tarot de Marseille

Als kleiner Junge wünschte Alejandro Jodorowsky sich inbrünstig rote Schuhe – Jahrzehnte später sollte er herausfinden, dass im Tarot de Marseille der Narr auf dem zahlenlosen ersten Arkana ursprünglich Schuhwerk dieser Farbe trägt, als Zeichen seiner tatenlustigen Aktivität. Auf Tournee mit Marcel Marceau begann Jodorowsky eine Sammlung verschiedener Tarot-Decks. Begegnungen mit Künstlern wie André Breton und Leonora Carrington brachten ihm den Tarot de Marseille nahe, der als eines der ursprünglichsten Blätter gilt und auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Jahrzehntelang benutzte Jodorowsky für seine Tarot-Sitzungen diesen Tarot in der Version von Paul Marteau aus den 1930er Jahren, der wiederum auf den Karten von Nicolas Conver von 1760 beruht.

Bis er 1993 einen Anruf erhielt. Der Nachkomme einer Dynastie von Spielkartenfabrikanten hatte ihn im Fernsehen gesehen und wollte mit ihm über den Tarot sprechen. Aus dem Treffen erwuchs eine mehrjährige Zusammenarbeit: Anfänglich als psychomagische Therapie für Philippe Camoin gedacht, begeisterte sich auch Jodorowsky immer mehr für die Recherchearbeiten, die eine möglichst ursprüngliche Fassung der Karten restaurieren sollten.
In Museen, Bibliotheken und der Privatsammlung der Familie Camoin stöberten sie nach verlorengegangenen Details auf den Karten, arbeiteten sich immer mehr in die Vergangenheit vor, in eine Zeit, als Christen, Muslime und Juden in Südeuropa noch friedlich nebeneinander lebten und ein reger Austausch der Kulturen und Symbole stattfand. Unter anderem fanden sie heraus, dass die Tarotkarten ursprünglich in elf Farben von Hand coloriert worden waren – mit Einführung der Druckmaschinen und des Vierfarbendrucks war dies samt der dazugehörigen Farbsymbolik in Vergessenheit geraten.

1997 veröffentlichten die beiden, ihre Ergebnisse zusammenfassend, den restaurierten Tarot de Marseille. Philippe Camoin gibt wie Jodo selbst Seminare zum Kartenlegen. Alejandro Jodorowsky veröffentlichte 2004 gemeinsam mit Marianne Costa ein umfassendes Werk zur Arbeit mit den Tarotkarten, auf Deutsch „Der Weg des Tarot“.